Fettnäpfchenführer Spanien

Über die Spanier und ihre Essenszeiten, Bars, Arbeitsplätze, ihre Schimpfwörter und Gesprächsthemen

Fettnäpfchenführer Spanien

Wenn man nur mal so in den Urlaub nach Spanien geht, dann ist das vielleicht nicht so wichtig, es kennt einen ja niemand, und wenn man dann seine deutschen Gewohnheiten auslebt – wie sich an einen halb besetzten Tisch mit dazuzuhocken – dann wird das zwar bei den Spaniern ziemlich blöd ankommen, aber die sehen einen ja nie wieder. Anders ist das, wenn man sich dazu entschließt, Monate im Land zu verbringen oder ganz  in Spanien zu leben. Nun kann man natürlich alles per learning-by-doing am eigenen Leib erfahren, sprich: in die Fettnäpfchen treten, die überall bereit stehen – oder zur Einführung ein Buch wie dieses hier lesen.

Zwei Szenarien werden entworfen: die junge Sprachenlernernin in Alicante, an der sich zum Beispiel Studenten im Erasmusprogramm orientieren können, und der Software-Programmierer, der einen neuen Job in Madrid antritt. Autorin Lisa Graf-Riemann hat in Murcia studiert und kennt sich aus mit den spanischen Gepflogenheiten. So lässt sie ihre beiden Deutschen in jedes erdenkliche spanische Fettnäpfchen treten.

Anstatt reiseführerähnlich die Eigenarten der Spanier in Themenbereiche und Stichworten zu erläutern, erzält Lisa Graf-Riemann kurze, fortlaufende Geschichten, zur Begrüßung der Spanier (üblicherweise nicht per Handschlag, sondern Wangenkuss), zur Verhaltensweise beim Geschäftsessen (übers Geschäft wird nicht gesprochen, die zwei Stunden Mittagsmenü werden mit Witzen und Berichten aus dem Familienleben gefüllt), zum kulinarischen Stolz der Spanier (der spanische Käse ist der beste in Europa), oder der Eigenart, nach dem Essen den großen Flachbildfernseher auf volle Lautstärke einzuschalten, nur um noch lauter darüber zu reden.

Die Geschichten werden im “Fettnäpfchenmoment” immer unterbrochen von den Abschnitten “Was ist da schief gelaufen?” und “Was können Sie besser machen?”
Zu Beginn ihrer Reise begegnen sich Lena und Tom und begehen einige Kulturschocks gemeinsam.

Tom und Lena sitzen beide mit gezückter Brieftasche am Tisch, aber der Kellner hat seine Geldbörse anscheinend gar nicht mitgebracht, starrt den leeren Teller mit der Rechnung an, dann Lena, dann Tom. Doch dann scheint er zu begreifen: “Por seperado?“, fragt er und die beiden können sehen, wie ihm der Schweiß auf der Stirn steht. “Sí,sí, seperado. Getrennt, genau!”, antwortet Tom. “Er hat’s geschnallt!”
Der Kellner hastet davon und ward für lange Zeit nicht gesehen.
Was ist da schief gelaufen?
Sie ahnen es bestimmt schon: In Spanien ist es absolut unüblich, getrennt zu bezahlen. Und das hat nichts mit Machismo zu tun. Es ist nicht so, dass der Mann immer seine Begleiterin einladen müsste. Genauso gut könnte Lena Tom einladen. […] aber damit wird in Spanien nicht der Kellner behelligt!

Ich kenne mich mit Spanien und den Spaniern gut aus, denke ich. Trotzdem war dieses Buch erkenntnisreich. Wie zum Beispiel die Einteilung in die Tageszeiten und die damit verbundene Grußformel (Buenos días, buenas tardes, buenas noches) zustandekommt, darüber hab ich mir noch nie Gedanken gemacht. Und dann die Erklärung zum Fernseher nach dem Essen! Vielen Dank dafür. Das Unwohlsein, das ich bei meinen Gastgebern hervorrufe, wenn ich im spanischen Dorf auf die Idee komme, alleine einen Spaziergang zu machen. Die Gesprächsthemen, die so offensichtlich auf der Hand liegen, die man aber nicht auf den Tisch bringen sollte (etwa Stierkampf und Flamenco im kritischen Kontext). Und einiges mehr.

Die Fettnäpfchengeschichten manchmal überspitzt – ich habe nie so unflexible und vorverurteilende Spanier kennen gelernt, wie die, mit denen sich Tom und Lena rumschlagen müssen. Dazu gibt es ein paar Dinge, die mir aus meiner Erfahrung falsch erscheinen. Zum Beispiel zum “tinto de verano”, eine Mischung aus Rotwein und Limonade, der “NIE zum Essen” getrunken werde – im Sommer bestellen meine spanischen Bekannten sehr gerne eine Karaffe tinto de verano zum Essen.

Gutes Buch, wenn man plant, sich längere Zeit in Spanien aufzuhalten. Das Kontakteknüpfen mit den Einheimischen wird sicher stressfreier ablaufen.

1 Kommentar

  1. steffll 7. Mai 2012

    eine sehr gut recherchierte und schluessige kritik. ich werde das buch gleich in den warenkorb tun, denn sitten und gebräuche anderer länder haben mich schon immer sehr interessiert. danke, sage ich! mehr davon!!!

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