Magisches Mexiko

Hernán Cortés, Katholizismus, mexikanische Kultur und die Zusammenhänge

Mexiko ist meine zweite Heimat, entsprechend lese ich - nicht zuletzt weil 9500 km Luftline von La Patria entfernt - alles, was mir darüber in die Hände kommt. Nicht ohne den kritischen Blick zu verlieren, natürlich. So wunderte ich mich bei diesem Buch zuerst über den schwülstigen Untertitel »Vom Mythos beseelt - mit Mut bedacht«, dann stolperte ich sehr unangenehm über die Inhaltsangabe: »Was immer man über Hernán Cortés denken und sagen mag, er bekannte sich mutig und offen zur christlichen Religion, um den katastrophalen Menschenopfern, vor allem der Azteken, Einhalt zu gebieten. Welche reichen Früchte die nach der Conquista eingeleitete Missionierung schließlich trug, wird vor allem an der tiefen Mariengläubigkeit der Mexikaner deutlich […]«

Da wusste ich: dieses Buch darf ich als Atheist und jemand, der die Ansichten und Vorgehensweisen der Katholische Kirche (von damals) zutiefst verachtet, nicht lesen. Die Kritik würde zu subjektiv und in jedem Falle negativ ausfallen. Scheinbar wurde dieses Buch von einer gäubigen Frau geschrieben, die die Macht der katholischen Kirche in Mexiko tatsächlich als Segen ansieht. Vielleicht handelt es sich bei dem Verlag um einen einschlägig christlichen Verlag?

Gefunden habe ich auf der Verlagsseite folgende Selbstcharakteristik: »Ziel unserer Arbeit ist es, Wissen zu vermitteln und so Wahrheitserkenntnis zu fördern. Dieses Ziel nimmt uns in die Pflicht, sich gegen verzerrende Vorurteile und platte Klischees zur Wehr zu setzen. Es ist daher kein Zufall, daß sich unsere Arbeit auf die Ressorts Theologie & Kirche und Gesellschaftspolitik konzentriert«. Abgesehen davon, dass ich das Festhalten an der alten Reschtschreibung als reaktionär empfinde - ist das bezogen auf Magisches Mexiko so zu verstehen, dass Cortés' (und Kollgen wie Diego de Landa) grausames Verbrechen im Zuge der Christianisierung (eigentliches Interesse: das mexikanische Gold und Silber, das in den spanischen Kirchen verarbeitet wurde) nur ein »verzerrendes Vorurteil und plattes Klischee« ist?

In der Bemühung um Objektivität und trotz meiner Vorbehalte möchte ich mir eine andere Sichtweise zumindest ansehen, bevor ich sie komplett ablehne. Schließlich formuliert die Autorin selbst vorsichtiger: »Wie ist die Conquista zu bewerten und darf man ihr - bei aller Grausamkeit der Vorgehensweise - auch Positives abgewinnen?« Das Profil der Autorin als Rechtsanwältin mit rechtsgeschichtlichem Interesse gibt dem Ansatz die nötige Seriosität.

Genug drumherum geschwafelt: in fünf Kapiteln widmet sich die Andrea Freiburg den Völkern Mexikos - vor allem den Olmeken, Maya und Azteken - hinsichtlich deren Kutltur und Religion. Drei weitere Kapitel thematisieren Cortés und die Conquista, darunter auch das Kapitel »Was machen wir mit Hernán Cortés? - Versuch einer Würdigung«, sowie die Bedeutung des Guadalupe-Kults und die Geschichte Mexikos seit Karl V., dem Initiator der Conquista, bis Felipe Calderón. Im letzten Unterkapitel »Und was ist Mexikos Zukunft?« macht sich Andrea Freiburg Gedanken über Politik, Wirtschaft, Umwelt und den Papst.

Am besten, man reißt als erstes den - optisch ohnehin nicht sonderlich gelungenen - Schutzumschlag ab und erspart sich so den Untertitel ebenso wie die verwirrend Conquista-freundlichen Worte des Klappentexts, beginnt einfach zu lesen und kommt so in den Genuss einer recherchierten Geschichtsdarstellung, und zugleich einem persönlichem Erlebnisbericht (denn die Autorin reist samt familiärem Anhang durchs Land), der voller Bewunderung und Respekt für die mesoamerikanischen Völker und die Mexikaner generell ist - Respekt auch vor dem starken katholischen Glauben, der in Mexiko nicht von ungefährt so tief verwurzelt ist. Die (ansatzweise) Rehabilitierung Hernán Cortés' und der katholischen Kirche im Zusammenhang mit der Conquista kann ich trotz allem nicht gut heißen.

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