Filmsprache

Alice Bienks Lehrbuch zur Filmanalyse - wie ein Film funktioniert und wirkt

Natürlich steht es jedem frei, einen Film gänzlich passiv auf sich wirken zu lassen. Sich ahnungslos darüber wundern, dass sich bei dieser einen Szene die Härchen an den Armen aufrichten, oder wieso man rundum glücklich strahlt, wenn sich Mr und Mrs. Right am Ende kriegen. Wie es kommt, dass ein Film noch lange nachwirkt, gar prägend ist für Einzelne und Generationen - oder aber am nächsten Tag bereits vergessen.Kamera, Schnitt, Ton, Schauspiel und Regie formen auf der Grundlage eines Drehbuchs rund zwei Stunden Unterhaltung, nach ganz bestimmten Maßstäben und mit forcierter Wirkung auf den Zuschauer. Wer sich dafür interessiert, wie ein Film es vermag, die eigene Wahrnehmung zu manipulieren und Empfindungen zu aktivieren, kann dies sehr differenziert in diesem Buch nachlesen.

Das erste lose Durchblättern dieses Buchs ist vielversprechend: ein übersichtlicher, vielleicht etwas zu gedrungener Text, viele Grafiken und Tabellen und eine DVD im hinteren Buchdeckel, die mit exemplarischen Filmausschnitten das Gelernte in der Praxis zeigen soll. Im Vorwort empfiehlt ein Professor Doktor für deutsche Sprache und Literatur das Buch als wünschenswerten Beitrag »zu einer Professionalisierung des Unterrichts [...], der die philologischen Methoden der Literaturwissenschaft am Fall des Mediums Film ergänzt und weiterführt.«

Wenn Nominal- und Verbalstil ausgewogen sind und der sprachlichen Sparsamkeit dienen, dann ist auch wissenschaftliche Literatur für fachliche Laien gut lesbar. Alice Bienk schießt etwas über dieses Ziel hinaus und macht das Lesen mit zahllosen Sätzen wie diesen nicht immer zur Freude: »Das zentrale Anliegen der vorliegenden Einführung in die interaktive Filmanalyse ist die Initiierung des bewussten Sehens [...]« oder: »Diese visuelle Alphabetisierung soll v.a. in Bezug auf die Erweiterung der sprachlichen Kompetenz hinsichtlich der spezifischen Sprache des Films geschehen [...]«.

Wenn man es über die ersten knapp 30 Seiten Einführung hinweg geschafft (und sich an den Stil gewöhnt) hat beginnt das Buch spannend zu werden. Innerhalb des Teils Informationen und Aufgaben sind die Kapitel Bildebene, Tonebene und Filmisches Erzählen untergebracht, die wiederum in bis zu vier Unterkapitel unterteilt sind. Nun beginnt Bienk die vielschichtigen Zusammenhänge des Films zu erklären - zwar weiterhin etwas umständlicher als notwendig, aber dank kurzer Kapitel gut lesbar. Die Grafiken und Filmausschnitte sind gut gewählt und ergänzen die Erklärungen auf unterhaltsame und wirkungsvolle Weise. Ganz kurz widmet sie sich im Anschluss u.a. den Themen Selbst einen Film drehen und Filmmaterial am Computer bearbeiten.

Multimedial und anhand zusammengetragener Erkenntnisse vieler anderer Fachbücher vermag es Alice Bienk, dem (bislang filmanalytisch unbedarften) Leser eine völlig neue Sichtweise auf den Film zu geben: keine Kameraeinstellung erscheint mehr zufällig, jeder Schnitt kalkuliert, jede musikalische Untermalung auf Grundlage ihrer Wirkung wohlbedacht ausgewählt. Und wieso manche Filme trotz aller Bemühungen der Macher am nächsten Tag dennoch bereits vergessen sind, kann man nach der Lektüre dieses Buchs professionell analysieren.

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