Storytelling für Journalisten

Abstrakte Sachverhalte als konkrete Geschichten. Sprich: so schreiben, dass es gerne gelesen wird

Wie man abstrakte Sachverhalte in konkrete Geschichten zu verpackt, die der Leser gerne liest oder der Hörer gerne hört, der er sich merkt und weitererzählt, das möchte dieses Buch vermitteln.

Aber vermutlich fange ich schon falsch an. Ich müsste den Leser zum Beispiel so in einen Artikel ziehen, dass er intuitiv eine Lücke ergänzen möchte, indem ich ein Detail auslasse, das ich erst zu Ende der Rezension verrate. Und ich müsste den Leser dort abholen, wo er sich gerade befindet, indem ich indirekt frage: willst du wissen welches Buch sich damit beschäftigt, wie man einen guten Text schreibt, der gerne gelesen wird? Naja, oder so ähnlich.
Am wichtigsten ist: bevor eine Geschichte erzählt werden kann, muss man sie erst einmal finden.

Manche Menschen laufen über eine Wiese und finden sofort vierblättige Kleeblätter. Das sind die geborenen Geschichtenerfinder. Die meisten von uns sind das nicht. Wir müssen uns bücken, genauer hinschauen, über Gräser streichen, die Stängel von Nahem prüfen, einen pflücken, wieder wegwerfen – um dann an anderer Stelle wieder mit der Suche zu beginnen. Manche treten die Vierblättrigen versehentlich um.

Ich bin kein ausgebildeter Journalist. Ich hab zwar mal ein paar Semester Literaturwissenschaft studiert und von Leuten wie Aristoteles gehört – aber hängen geblieben ist wenig. Von fundierten Kenntnissen keine Rede. Brauche ich aber auch nicht, um dieses Buch zu verstehen. Es ist unkompliziert und unterhaltsam geschrieben, wie ein guter Artikel hält es seinen Leser immer am Ball, und einmal angefangen konnte ich es kaum aus der Hand legen.

Das Problem welche Geschlechtsform verwendet wird (Autor, Autorin, oder das dämliche AutorInnen), löst das Autorenteam (Marie Lampert und Rolf Wespe), indem sie beliebig mal die weibliche, mal die männliche Form schreiben. Das liest sich gut und alle können zufrieden sein. Oder auch nicht: “Nachrichten sind manchmal für Insider formuliert, so dass die Hörerinnen sie kaum verstehen”. Hier sähen einige Leserinnen dann doch lieber die verallgemeinerten “Hörer” .. ich nehm’s damit nicht so genau.

Ein Beispiel dafür, dass die Autoren konsequent das gelehrte Kontzpet der wohl kombinierten abstrakten und konkreten Schreibweise umsetzen:

Stellen Sie sich vor, Sie fahren Auto. Sie sehen durch die Frontscheibe und haben das Panorama vor sich. Sie schauen in den Rückspiegel und sehen, was hinter Ihnen liegt. Sie befinden sich in der Mitte der Strecke. So sagt es Aristoteles:
“Eine Mitte ist, was sowohl auf etwas folgt als auch etwas anderes nach sich zieht”.

Das klingt sehr simpel, und man hätte sicher auch Artistoteles’ Aussage alleine gleich verstanden – aber es ist das konkrete Bild das wirkt und im Gedächtnis bleibt, nicht das abstrakte Zitat.

So wie Marie Lampert und Rolf Wespe ihren Lesern empfehlen, die einmal in die Geschichte eingeführten Protagonisten (das “Casting” der Story) als roten Faden durch die Geschichte zu ziehen und am Schluss gebührend zu “verabschieden”, sind auch die Beispielstorys in diesem Buch wie Protagonisten, die stets wiederkehren und neu beleuchtet werden. Im Anhang können alle Beispielgeschichten komplett nachgelesen werden. Die Autoren halten sich an ihre eigenen Maßstäbe.

Leseprobe und Inhaltsverzeichnis (… damit halte ich mich auch nicht an die Regeln. Statt die abstrakten Sachverhalte, das Inhaltsverzeichnis zum Beispiel, in eine konkrete Geschichte zu stecken, sage ich: schaut doch einfach selbst rein. Schätze das ist einfacher so.)

Ich habe jetzt viele Details ausgelassen. Und irgendwie auch viele Details unzusammenhanglos beschrieben – es gab einfach so vieles, das mich interessiert hat und wovon ich lernen konnte. Das Wichtigste: ich habe das Buch sehr gerne gelesen.

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