Einführung in die Erzähltheorie

Scheffel und Martínez über das Wie und das Was der erzählten Welt

Rezension: Einführung in die Erzähltheorie

Auf dieses Buch habe ich mich, rein am Titel gemessen, als Pflichtlektüre des Literaturstudiums gefreut. Nach Einführungen in die kleinsten Teile der Germanistik, die an Mathematik erinnerten, schien nun der Teil zu kommen, der Spaß macht: hier wird die Technik des literarischen Schreibens enthüllt, habe ich gedacht. Natürlich kein Schreibtrainer im Sinne von »Wie schreibt man einen Roman«. Aber dass es sich um ein derart ernsthaft wissenschaftliches Buch handelt, habe ich nicht erwartet.

Dabei spiegelt das Buch keine falschen Tatsachen vor: »Der Band orientiert über den aktuellen Stand der internationalen Erzählforschung und stellt unter Verwendung von Beispielen aus verschiedenen Literaturen und Epochen ein umfassendes, praktisch anwendbares Modell zur Analyse von Erzähltexte«.

Martinez und Scheffels fassen Einsichten aus verschiedenen Traditionen der Erzählforschung zusammen, um ihren Lesern so ein »möglichst nützliches« Analysemodell des fiktionalen Erzählens zu bieten. Die beiden großen Teilbereiche sind das Wie des Erzählens, das Zeit, Modus und Stimme sowie Stenzels Erzählsituationen umfasst und das Was, die Handlung. Hilfreich ist das Lexikon und Register erzähltheoretischer Begriffe im Anhang (Inhaltsverzeichnis).

Ganz ehrlich, bei allem Lob das dieses Buch zu Recht einheimst – Spaß macht das Lesen nicht. Das Buch ist Erstsemesterlektüre: ein wacher, konzentrierter Studentengeist kann das zwar häppchenweise verdauen, unter »anschaulichem und verständlichem« Schreibstil stelle ich mir trotzdem etwas anderes vor.

Als Beispiel ein beliebig ausgewählter Abschnitt: »Durch das reale Schreiben eines realen Autors entsteht so ein Text, dessen imaginär authentische Sätze eine imaginäre Objektivität schaffen, die eine fiktive Kommunikationssituation, ein fiktives Erzählen und eine fiktive erzählte Geschichte umfaßt. Die fiktionale Erzählung ist zugleich Teil einer realen wie einer imaginären Kommunikation und besteht deshalb je nach Sichtweise aus real-authentischen oder aus imaginär-authentischen Sätzen«.

Es hilft nichts, durch dieses Standardwerk muss man durch. Das Gute ist: wenn man die Teil 1 durchgearbeitet hat, wird der Text überraschend einfacher zu lesen, auch dank der vielen Erzähl-Beispiele. So lernt man am Ende doch die Technik des literarischen Schreibens – anders als erwartet, sezierend und klassifizierend statt intuitiv – aber so ist Wissenschaft nunmal.

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