Das europäische Geschichtsbuch

Europa von der ersten Besiedlung bis Heute

Das europäische Geschichtsbuch

“Zwanzig Jahre sind vergangen, seit dieses Buch zum ersten Mal erschien, zehn Jahre seit der zweiten Ausgabe. Und nun darf ich mit Stolz und Freude die dritte Ausgabe vorstellen, die von Klett-Cotta exzellent neu gestaltet wurde – Respekt und besonderen Dank für die meisterhafte Ausführung des neuen Layouts!” So ehrlich freut sich der Herausgeber Frédéric Delouche in seinem Vorwort.

Er möchte mit seinem Geschichtsbuch und Lebenswerk das Gefühl wecken, “zur selben ökonomischen, kulturellen und vor allem politischen Welt zu gehören”, die Autoren, 15 Historiker aus 13 europäischen Ländern, teilten den Glauben, “dass überkommene Vorurteile und verzerrte Geschichtsbilder keinen Anteil daran haben sollten, Europäer voneinander zu trennen”. Das Studieren der europäischen Vergangenheit solle zum Nachdenken über Eruopas Zukunft anregen.

Wie vereint man die Geschichte so vieler Länder mit eigener komplexer Historie zur grenzüberschreitenden und umfassenden Gesamtgeschichte eines ganzen Kontinents? Und macht das überhaupt Sinn?

Europa war ja nicht immer so wie heute. Alleine die deutsche Ländergrenze wurde zuletzt 1990 neu definiert. Die Napoleonischen Kriege führten im 18. Jahrhundert zum Ende des Heiligen Römischen Reichs, das in seinem 800-jährigem Bestehen permanent wechselnde Gebiete in sich vereinte. Schon in der Bronzezeit (etwa 2200 v. Chr.) wurden Güter wie Kupfer, Zinn, Bernstein und Bronze zwischne Ägäis und Skandinavien gehandelt. Da sind die Glaubenskämpfe, die zu Kriegen in ganz Europa und zu neuen Staatsgrenzen führten. Die Königshäuser, die ihre Nachkommen über ganz Europa hinweg verheirateten und Allianzen schufen. Die Epochen der Macht und des Reichstums, die sich in der Kunst und der Architektur der europäischen Hoheitsgebiete niederschlugen und sie bis heute kennzeichnen.

Es sollte also angesichts der jahrtausendewährenden, permanenten gegenseitigen Einflussnahme von Kultur, Politik und des Handels ganz selbstverständlich sein, ein gemeinsames Geschichtsbuch zu haben. Hier ist es nun also.

Ich möchte Frédéric Delouche auch gleich recht geben, es ist wirklich sehr schön gestaltet. 1992 zunächst als Schulbuch verlegt, ist es heute ein schwerer, seriöser Hardcoverband im “großzügigen Sonderformat”, zweispaltiger Schriftsatz; mit Kunstabbildungen, geographischen Karten und Infokästen angereichtert – sehr wertig und stimmig. In 12 Kapiteln wird chronologisch die europäische Geschichte aufgearbeitet: beginnend mit der Ur- und Frühgeschichte und den ersten Menschen in Europa, über das Römische und das Byzantinische Reich, die Renaissance, das kapitel “Auf dem Weg der Selbstzerstörung”, das die Jahre 1900 – 1945 beschreibt. Schließlich befassen sich die Autoren mit heutigen Fragen wie “Sterben die Europäer aus?” oder “Gehört die Türkei zu Europa?” (weitere Infos).

Am liebsten würde ich mir das Buch von vorne bis hinten durchlesen und mir dabei die ganzen Verästelungen und Beeinflussungen merken können. Geht natürlich nicht. Das europäische Geschichtsbuch ist auch weniger Lesebuch als Nachschlagewerk. So ordnet sich zum Beispiel das Kapitel “Städte und Straßen” dem Hauptkapitel “Das Christliche Abendland (100 – 1300)” unter und beschreibt darin Elemente wie die Entwicklung und Dynamik mittelalterlicher Städte, die Pilgerstraßen und die Straßen der Kaufleute. Auch das Lesevergnügen gleicht dem eines Schulbuchs.

Im 12. Jahrhunder entwickelte sich die Straße nach Rom auch zur Handelsroute, während der Jakobsweg auch von den Rittern der Reconquista benutzt wurde. […] Im 12. Jahrhundert entstanden aufgrund der Erfordernisse des Fernhandels – weniger aufgrund der Pilgerfahrten – große Verbindungsstraßen. […] Ende des 13. Jahrhunderts bauten die Venezianer die Brennerroute nach Innsbruck, Augsburg, Nürnberg und Frankfurt durchgehend als Fahrstraße aus.

Ein etwas trockenes Geschichtsbuch, dem es aber dank seiner vielen Fachautoren scheinbar gut gelingt, die gemeinsame Geschichte Europas darzustellen. Für Frédéric Delouche und auch für den Verlag Klett-Cotta ein Lebenswerk, das, wie der Verleger Michael Klett “in aller Bescheidenheit, aber nicht ohne Stolz” anmerkt, “selbst schon ein – wenn auch winziger – Bestandteil der historischen Entwicklung Europas ist”.

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