Bob Dylan: Die Geschichte seiner Musik

Das "uh" im Wort "Blues" hält er beachtliche 24 Sekunden lang.

Ich habe mir für dieses Buch viel Zeit genommen. Es ist keine herkömmliche Biographie, die sich vor allem mit dem Leben Bob Dylans auseinandersetzt – auch wenn man das auf den ersten Blick annehmen könnte – und was bei der vorangegangenen Auflage 2006 “bei manchen Rezensenten Irritationen auslöste”. Da hieß das Buch aber auch noch “Bob Dylan – Seine Musik und sein Leben”.

Bob Dylan hat zwischen 1962 und 2011 einen Haufen Alben veröffentlicht, und ihnen ist dieses Buch gewidmet. Olaf Benzinger, ein viel gebildeter Mann, der Sinologie, Geschichte der Naturwissenschaften, Philosophie und Musik studiert hat, erzählt von der Entstehungsgeschichte jedes Albums und jedes enthaltenen Songs, inklusive derer, die bei den Alben außen vor geblieben sind und nur in Bootlegs (oder in den offizillen Bootleg Series) erschienen sind. Er kennt sich mit Bob Dylan bestens aus.

[…] “Fright Train Blues”, eine ausgesprochen lustige Adaption eines Titels von John Lair, bei der Dylan den längsten Ton seiner gesamten Karriere singt: das “uh” im Wort “Blues” im zweiten Refrain; er hält den Ton beachtliche 24 Sekunden lang.

In einer kurzen Einleitung berichtet Benzinger von der Geburt Bob Dylans, seinen musikalischen Einflüssen und dem Umzug nach New York, wo er sein Idol, den Folk-Musiker Woody Guthrie im Krankenhaus besucht, und greift dann auf die entscheidenden Lebensabschnitte und Platten vor.

Die folgenden Kapitel sind, in chronologischer Reihenfolge, den Alben gewidmet. Als Kapitelüberschrift wählt Benzinger den Songtitel, den er für diese Schaffensperiode als besonders bezeichnend empfindet. Das Cover und die Songliste sind abgebildet, dazu Details wie das Datum der Veröffentlichung, die Gastmusiker und deren Instrumente, sowie die nicht verwendeten Songs – mit der genauen Angabe, in welcher Bootleg Series sie nachträglich veröffentlicht wurden.

Was nun folgt ist eine Synthese aus Zeitgeschichte, Biografie und den Geschichten, die die Songs erzählen. Faktenreich, mit einigen Anekdoten und subjektiven Anmerkungen zur Qualität einzelner Songs gespickt, dabei stets ganz ungekünstelt und spannend geschrieben.

“It’s all over now Baby Blue” ist ebenfalls einer der großen Dylansongs dieser Tage, mit dem über dem Grundmotiv “Abschied” sehr viele Bedeutungen transportiert werden. Die eindrucksvolle und sehr berührende Komposition vereint zwei gegensätzliche Pole: eine große emotionale Gedrängheit in einer äußerlich sehr ruhigen und entspannten Stimmung. Dylan verabschiedet sich hier nicht nur von seiner Geliebten oder einer Partnerin, sondern haupstächlich von seinen Fans früherer Tage, denn er ahnt wohl, dass viele von ihnen ihm auf seinen neuen Wegen nicht so ohne weiteres folgen wollen.

Ich habe das erste Kapitel gelesen und wollte mehr erfahren, weiter zum nächsten Album “The Freewheelin’ Bob Dylan”. Doch dann habe ich stattdessen das erste Kapitel nochmal gelesen – und dazu bewusst das entsprechende Album gehört.

Ich habe nun in den vergangenen drei Monaten zu jedem Kapitel das entsprechende Album gehört, da muss man sich schon die erwähnte Zeit nehmen. Ich habe Bob Dylan nicht nur gehört und seine Songs – wie bisher – nicht nur gemocht, ich habe sie jetzt auch wirklich verstanden. Zumindest auf Grundlage der Interpretation von Olaf Benzinger, die mir sehr glaubwürdig erscheint.
Inhaltsverzeichnis und die Einleitung als Leseprobe

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