Marcellino's Restaurant Report 2009 Hamburg | Marcellino'sWenn man vorher weiß, wo man gut oder nicht gut essen und trinken kann, ist das nützlich, denn es spart Geld und Ärger. Von Marcellino’s Restaurant Report erwarte ich mir eine Übersicht, die mir nicht nur mitteilt wo in Hamburg gegessen werden kann, sondern auch wie. Und – auf dem Cover prominent angekündigt – wie viel der Espresso dort kostet.

Der Restaurantguide beginnt mit seiner Erfolgsstory: »Alles begann mit einem kleinen Notizbuch. Immer wenn Marcellino Hudalla hungrig war, fielen ihm nur die ewig gleichen drei Restaurants ein. Wie langweilig! Das Notizbuch war die Lösung: hier notierte Marcellino nach jedem Besuch eines neuen Restaurants sein kritisches Urteil, Schnell wurde er ein gefragter Tipp-Geber. Alle wollten eine Kopie.«
Alle wollten also eine Kopie, da bietet es sich natürlich an, aus dem Notizbuch ein Geschäft zu machen.

Ein Schnellkurs führt in die Benutzung ein: es gibt den Espresso-Preis-Radar, die Top-10-Rangfolge und eine Werte-Tabelle der freiwilligen Testesser von 1 bis 10 – der Verlag verspricht, dass die Urteile von eigenen Testessern überprüft wurden.
Orientieren kann man sich zunächst innerhalb der Top-10-Listen: sortiert nach Preisklasse, beliebten Geschmacksrichtungen (Spanisch und Italienisch), Service, Rauchmöglichkeit, Espresso-Preis und einer Liste der zehn schlechtesten Restaurants. Eine weitere Sortierung ist der Lust auf…-Index. Ich kann demnach »Lust haben« auf Dutzende Ordnungskategorien, u.a. »All you can eat«, »Bio«, »Frühstück nach 12 Uhr«, »Pay-TV-Sportsbar«, »Rollstuhlgerecht« oder »Zigarren«.

Im Location-Index sind die Lokale erst alphabetisch gelistet, dann im Detail, teilweise mit Bild. Ich erfahre die Kontaktdaten, Öffnungs- und Küchenzeiten, Preisniveau und das Gästeurteil, unterteilt in die Bereiche Essen, Trinken, Service und Ambiente. Außerdem: der Espressopreis samt prozentualer Abweichung zum Durchschnittspreis (brauche ich das?). Der Textteil ist eine Aneinanderreihung von Gästeurteilen mit Auszügen aus der Speisekarte.

Haerlin Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten
Haerlich! Wie Gott in Hamburg werden neue wie »alteingessene Hanseaten« vom »superaufmerksamen, perfekten« Personal umsorgt. Die Menüs mit Speisen wie rote Meerbare porchiert mit eingelegtem Granny Smith, Fenchel und Ciderschaum, dazu Entenstopfleber mit grünem Apfeleis (26) und Guanaja-Schokoladenfonadt mit Passionsfrucht-Kirschsorbet (18) sind »ein Gedicht«. [...] »Seufzer des Wohlgefallens« füllen den »herrschaftlichen Raum« mit Wandteppichen und Alsterblick.

Das arme Aquario dabei zwar mit erfreulichen 9% unterhalb des Espresso-Durchschnittspreises, befindet sich aber – durch eine dicke Daumen-nach-unten-Abbildung markiert – innerhalb der Flop-10 wegen »halbwegs akzeptablem bis extrem verbesserungswürdigem Service«. Übrigens kranken fast alle Mitglieder der Flop-Liste ausschließlich am Service, was sich also leicht beheben lässt.

Gute Übersichtlichkeit kann ich dem Marcellino’s nicht bescheinigen: die vielen Werbeanzeigen in den Kapitel- und Sortierungsübersichten stören, die Schrift ist ein eng aneinandergerücktes Gemisch aus fett und kursiv. Neben den Einträgen sind bis zu fünf Symbole untergebracht, darunter der Hinweis, dass es dort Apollinaris-Wasser zu trinken gibt (samt Slogan: Werbung oder ein echtes Qualitätskriterium?). Ein anderes interessantes Symbol kennzeichnet, dass sich die Lokalität in der Sexy Food Top 10 befindet: eine Kochmütze in Penisform.

In die Logik des Marcellino’s muss ich mich erst einmal einarbeiten. Dann aber finde ich für meine Geschmacksrichtung, meinen Stadtteil und meine Espresso-Preisvorstellung genau das richtige Lokal.
Es gibt mittlerweile schon den Marcellino’s Restaurant Report 2010, nun anstelle der Espresso-Preise mit der Neuheit »Sicher vorm bösen Preis« Man darf gespannt sein – bestellen kann man ihn hier. Aber was soll mir dieser bullige Mann mit Augenfehlstellung sagen?

Gut geplantes, kategorisch vorsortiertes Essengehen

Der Alltag im Mittelalter | BoDWarum stopfen die Autoren, die im BoD-Verlag veröffentlichen, immer den Beschreibungstext des Einbands so voll? 3mm Platz rechts und links, eine anstrengende, flimmernde Schriftart, pixelig weiß auf dunklem Hintergrund. Kein guter erster Eindruck, noch bevor ich das gelesen habe, was mir ja eigentlich Lust auf das Buch machen soll.

Wie der Alltag im Mittelalter »wirklich« war, möchte die Autorin erzählen, vom »alltäglichen Leben der Adligen, Kleriker, Mönche und Nonnen, der reichen und armen Bürger und der Bauern«. Die Leser sollen mit deren Wohnstätten vertraut gemacht werden, die Mode der Stände sollen erklärt, ein Blick in die Kochtöpfe geworfen werden. Der letzte Satz macht neugierig: »Und selbstverständlich kommt in diesem Werk die Liebe ebenfalls nicht zu kurz«.

Maike Vogt-Lüerssen hat Geschichtswissenschaft, Biologie und Pädagogik studiert. Das setze ich voraus, was ich hier lerne und mir merke soll »alltagstauglich« sein, ich möchte mich darauf beziehen können. Dass ein geschichtswissenschaftlich ausgebildeter Lektor drübergeschaut hat, ist beim Book-on-Demand-Verfahren nicht garantiert.

Lesbar ist das Buch aber wirklich uneingeschränkt. Es hat nicht den Anspruch, etwas zur geschichtswissenschaftlichen Forschung beizutragen, sondern möchte interessierten Laien einen verständlichen Einblick in den mittelalterlichen Alltag bieten. Einfache Sätze, kaum Fachwörter, durchsetzt von persönlichen Kommentaren und rhetorischen Fragen. »Ob das die richtige Lösung war?«, wundert sich die Autorin, als sie von der Selbstkastration eines Kirchenmannes berichtet, der sich so von sexueller Versuchung heilen wollte.

Ja, und die Natur machte (und macht) den katholischen Geistlichen wirklich schwer zu schaffen. Anstatt sich Gott vollkommen und ganz widmen zu können, mussten (und müssen) sie ständig gegen ihre sexuellen Regungen ankämpfen. So geißelten sich einige Kirchenmänner und Kirchenfrauen morgens und abends, um sich ihre Lustgefühle regelrecht auszupeitschen. Wer trotzdem zur Masturbation griff und erwischt wurde, musste befürchten, in den Laienstand zurückgesetzt zu werden.

Ausgeprägtes Hintergrundwissen und Fachwortschatz sind keine Voraussetzung, zumal es ein Glossar gibt. Wer den einen oder anderen historischen Roman gelesen hat, findet sich gut zurecht. Maike Vogt-Lüerssens Buch macht einen rechtschaffenden, seriösen Eindruck. Sie beschreibt den mittelalterlichen Alltag nicht sehr spannend, dafür umso detaillierter: sei es die Länge des durschnittlichen Schulunterrichts, die Zusammensetzung und Kombinationsmöglichkeiten von Kleidungsstoffen, die individuellen Bestrafungsmethoden, der Verzehr von Fleisch im Verhältnis zu Obst und Gemüse, das Fächerspektrum an den Unversitäten, die durch die Syphillis ausgelösten Hautgeschwüre am Penis – dankbarerweise mit Abbildung, das alles begleitet von vielen Auszügen und Zitaten aus geschichtswissenschaftlichen Quellen (Inhaltsverzeichnis).

Nicht so rechtschaffend und seriös finde ich die Vergabe von fünf Bewertungssternen an sich selbst, auch wenn die Autorin kein Geheimnis daraus macht (andere Autoren nehmen zum gleichen Zweck Decknamen an). Großen Nutzen vom Buch hat sicherlich, wer mit dem Gedanken spielt, selbst einen historischen Roman zu schreiben. Eine Nürnberger Stadtführerin spricht in einer Amazon-Rezension ebenfalls ihre Empfehlung aus – es bleiben wohl nur wenige Detailfragen unbeantwortet.

Das Sexleben der Kleriker und andere pikante Details

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