Einmal keine kulturgeschichtliche Abhandlung des Mittelalters lesen, sondern Bilder anschauen, und dazu den knappen Beschreibungstext überfliegen. So kann man auch dann noch ein bisschen was lernen, wenn das visuelle Vorstellungsvermögen nach einem Arbeitstag nicht mehr so richtig gut funktioniert.

Die Reihe der visuellen Enzyklopädien im Gerstenberg-Verlag ist nach diesem Prinzip aufgebaut: auf jeder Doppelseite ist ein Thema aufbereitet, zum Beispiel die Kreuzzüge im Kapitelbereich Der Islam und die Kreuzzüge.
Ein rund 200 Wörter umfassender Text informiert grob über die Einordnung und Umstände des Themas, drumherum verteilt sind Abbildungen, vor allem Fotos von alltäglichen und künstlerischen Gegenständen. Der Beschreibungstext daneben ist etwas kleiner als der Thementext und möglichst kompakt, informativ und einfach gehalten. Nachteil: er ist manchmal etwas plump.

1096 brach der französische Prediger Peter von Amiens mit einer Horde Bauern von Köln nach Jerusalem auf. Unterwegs plünderten sie und töteten Juden aus Habgier und weil sie sie für Jesu Tod verantwortlich machten. Die Schlacht von Nizäa beendete diesen Kreuzzug: Tausende starben im Kampf gegen die Türken.

Die Kapitel sind nicht chronologisch, sondern nach Gesellschaftsformen, Institutionen und geographischen Gebieten geordnet: das Mittelalter in Asien ist ein Kapitelgebiet, die Stadt oder die Bauern.

Gerstenbergs visuelle Enzyklopädien machen Spaß, weil sie unkompliziert sind und der Einstieg dank Schwerpunkt auf visuelles Lernen einfach ist: man sucht sich einen Wissensbereich, wie in diesem Fall Geschichte/Mittelalter, und dann stöbert man oder sucht gezielt, zum Beispiel wie im Mittelalter die prachtvollen Bücher hergestellt wurden, der Hausbau funktionierte, oder die Damen gekleidet waren.  Zwangloses, spontanes Lernen.

Was auf dem Umschlag steht, klingt gut: »Das Handbuch gibt einen kompakten Überblick über die deutschsprachige Literatur vom 8. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Die Einzelartikel stellen die wichtigsten Werke in chronologischer Reihenfolge vor und bieten aktuelle Informationen zu Überlieferung, Gattung, Inhalt und Aufbau der Texte sowie zur Rezeption. Darüber hinaus wird jedes Werk in den Kontext Biographie und Gesamtwerk des Autors beschrieben. Die Auswahl der Werke beruht auf einer breit angelegten empitischen Untersuchung. Das ideale Nachschlagewerk für jede Gelegenheit!«

Ich verstehe das so: als Literaturstudent erhalte ich kompakt auf 350 Seiten das ideale Nachschlagewerk für 1300 Jahre deutsche Literatur. Und dann ist es auch noch hübsch gestaltet. Klingt ziemlich ideal.

Wie im Umschlagstext angekündigt, beginnt das Nachschlagen im 8. Jahrhundert mit den Meseburger Zaubersprüchen und endet 1995 mit Bernhard Schlinks Vorleser. Die Artikel sind sortiert in die Elemente Überlieferung, Gattung, Inhalt, Biographischer und werkgeschichtlicher Kontext, Epochentext, Rezeption und Ausgabe.

1456
Thüring v. Ringoltingen
Melusine
Ü Thürings Melusine ist in zahlreichen [...]
G Prosaroman
I Graf Emrich nimmt Poitiers Reymund, den Sohn [...]
B/W Thürings Vorfahren sind Bauern namens Zigerli [...]
E Thüring stellt den Wirklichkeitsbezug seines [...]
R Die zahlreichen Überlieferungsträger belegen [...]
A T.v.R. Melusine. In der Fassung des Buchs [...]

Das ganze Für und Wider eines literarischen Kanons ist ständiges Diskussionsthema der Literaturwissenschaft, natürlich ist das Buch hier auch »nur« eine mehr oder weniger subjektive Selektion, 400 ausgewählte Werke aus 1200 Jahren. Aber es ist nur mittels Selektion und Auswahl, auf Grundlage eines literarischen Kanons, möglich, sich dem gesamten Profil einer Literaturgeschichte anzunähern. Die Herausgeber wissen das natürlich und erklären in ihrem Vorwort: »der vorliegende Band beschreibt einen bestimmten Teil des literarischen Gedächtnisses. Er versammelt den für die Gegenwart gültigen Kanon der deutschen Literatur«.

Sehr gut gefällt mir, dass die Texte einfach und so verständlich geschrieben sind, dass sich der Leser nicht erst in den Wissenschaftswortschatz einarbeiten muss. Das wird schon im Vorwort deutlich, in dem man sich die Mühe macht, Anspruch und Voraussetzungen eines literarischen Kanons zu erklären, anstatt diese Erkenntnis vom Leser einfach vorauszusetzen.

So bestätigt sich der erste gute Eindruck, den die hübsche Umschlagsgestaltung weckt: Wissenschaftler und privat Interessierte haben gleichermaßen ihren Nutzen an diesem Buch. Und vor allem Studenten am Anfang ihres Studiums, die sich über jede halbwegs lesbare Sekundärliteratur freuen, die ihnen ein bisschen Übersicht verschafft.